Die Tautropfenweberin

Die Tautropfenweberin

von Amely Gräfin Platen
I n einer anderen Zeit, einer anderen Welt, an einem Ort, fern und doch so nah an unserer Wirklichkeit, da lebte einst einmal eine zarte Elfe. Ihre Heimat war eine Sumpflandschaft, in der an den Abenden die Nebel aus den Wiesen stiegen. Die Elfe, die Lucinda hiess, liebte es in den Nebelwogen zu tanzen und ihre Gedanken mit den Mondstrahlen zu schicken. Sie träumte sich hinauf zu den Sternen und genoss es, wenn die ersten Sonnenstrahlen sie weckten. Denn dann begann ihr Tagewerk; das, wofür sie geschaffen worden war. Sie war eine Tautropfenweberin. Sobald die Tautropfen in der Morgensonne zu blitzen begannen, erhob sie sich von ihrem Nachtlager hoch oben in einer Magnolie und flog hinunter auf die Wiese. Mit einem feinen Faden, der so dünn war wie eine Spinnenwebe, zog sie eine Tauperle nach der anderen auf. Das tat sie jeden Morgen so lange, bis die Sonne mit ihren heißen Strahlen die letzten Tropfen verdampft hatte. Dann hängte sie die Perlfäden ihrem treuen Nebelvogel um seinen Hals, damit er sie zu der Nebelfee brachte. Der Nebelvogel war ein grosser und doch zarter Vogel, grau war sein Gefieder, wie der Nebel und auf dem Kopf trug er sonnengelbe Federn, und zwei kugelrunde rote Pausbacken zeugten von seiner Fröhlichkeit. Er war der beste Freund der Elfe und wo sie war, da wollte er auch sein; doch der Fee die Tauperlen zu bringen, war kein großes Opfer, hatte sie doch immer die feinsten Nüsse für ihn. An den Abenden, wenn die Sonne den Horizont berührte, schmückte sich die Nebelfee mit den kostbaren Tautropfengeschmeiden und schwebte über die Moorwiesen. Sie zog feine Nebelfäden hinter sich her, denn die Tautropfen verdunsteten im Abendsonnenschein. Wenn dann die Nacht ihr sternenblaues Tuch über die Wiesen breitete, legten sich die feinen Nebel und wurden wieder zu Tautropfen, die Lucinda dann erneut in den frühen Morgenstunden sammelte.

So ging es viele Jahre, und die Pflanzen der Wiesen freuten sich auf die täglichen Besuche der kleinen Elfe und ihres fröhlichen Vogelgefährten. An den Abenden bestaunten sie ehrfürchtig die Schönheit und Anmut der Nebelfee, die ihnen und dem Land die Frische brachte. Doch eines Morgens war alles anders. Lucinda hatte gerade erst drei funkelnde Perlen aufgenommen, als sie ein Knacken in der Krone eines Apfelbaumes vernahm. Neugierig schaute sie hinauf. Sie wusste, dass dieser Baum schon eine ganze Weile nicht mehr bewohnt war. Da knackte es noch ein zweites Mal. Lucinda legte behutsam ihren Perlfaden zu Füssen des Baumes und schwebte mit ihren zarten Flügeln hinauf in seine Krone. Leise setzte sie sich auf einen Ast und spähte neugierig zwischen den unzähligen rosa Blüten hindurch. Da blickte sie auf einmal in ein Paar grasgüner Augen, die sie ebenso neugierig betrachteten. Dort sass ein Elf, soviel war sicher, er hatte rote Locken und eine Stubsnase und in seiner Hand hielt er einen Blütenkelch voll Honig. Nun räusperte er sich verlegen:“Guten Morgen!“ „Guten Morgen !“ sagte auch Lucinda mit bebender Stimme. Da umspielte plötzlich ein schelmisches Lächeln die Lippen des Elfs und er streckte ihr seinen Blütenkelch entgegen. Lucinda nahm ihn an und genoss die süße Erfrischung. Und so kamen sie einander näher und ins Gespräch. „Ich bin ein Honigelf! Mein Name ist Rongo! Ich helfe den Bienen, den kostbaren Nektar zu sammeln und beschütze diesen Baum. Lange habe ich bei einem Meister gelernt, und nun durfte ich mir meinen eigenen Baum suchen!“

Als der Elf sie fragte, was ihre Aufgabe sei, da erschrak sie. Die Sonne war schon höher gestiegen und damit auch ihre Wärme. Sicher waren schon viele Tropfen verdampft. Da bot der Honigelf ihr seine Hilfe an, und gemeinsam gelang es ihnen, wenigstens noch einige Tautropfen zu sammeln. „Doch das sind zu wenige,“ klagte Lucinda, „das reicht nie und nimmer für einen anständigen Moornebel!“ „Komm, ich habe eine Idee,“ sagte da der Honigelf und griff nach ihrer Hand. Sie flogen gemeinsam in die Baumkrone, wo ein Kesselchen hing, in dem Rongo für gewöhnlich den Honig fein rührte. Etwas Honig war noch in dem Kessel, in den er nun auch die Tautropfen hinein gab. Er rührte kräftig darin und die Mittagssonne spendete die richtige Wärme, dass sich Tau und Honig miteinander verbanden. Als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte und bis auf den Grund des Kessels schien, lösten sich einzelne Perlen aus dem Gebräu. Rongo fädelte diese wieder auf den Spinnfaden. Schließlich war der Faden vollständig und Lucindas Vogel kam geflogen, um die Perlen zu übernehmen und der Nebelfee zu bringen. Als diese nun wieder über die Sumpflandschaft schwebte und den Nebel verteilte, breitete sich gleichzeitig ein unwiderstehlicher Duft nach Honig aus. Gebannt hatten Rongo und Lucinda alles beobachtet und sie staunten, als der sonst so silbrige Nebel nun in warmen Goldtönen leuchtete. Und wenn dann die Sonnenstrahlen die Tautropfen erwärmten, duftete das ganze Moorland betörend nach Honig. Unzählige Schmetterlinge wurden dadurch angelockt und machten die grünen saftigen Moorwiesen noch bunter. Lucinda und Rongo waren begeistert – war doch aus ihrer Begegnung etwas besonders Kostbares entstanden. Fortan trafen sie sich täglich und warfen ihren Elfenzauber in einen Topf. Was sie noch alles erschufen, wird hier nicht verraten, denn das ist eine andere Geschichte.

Dieses Märchen widme ich meiner Freundin Lucy, die mit ihrer lieben Familie, die auch zu meiner geworden ist, am Ende der Welt lebt.