Die Sternenblume

Wir alle kennen Sternschnuppen, aber es kommt selten vor, dass mal eine auf der Erde landet oder gar vor die Füße eines Menschen fällt. Doch genau so soll es sich zugetragen haben. Es war einmal eine junge Frau; die lebte am Rande eines Dorfes. Sie war eine Kräuterkundige und hatte einen wundervollen Garten mit einer üppigen Vielfalt an Küchen- und Heilkräutern. Sie verbrachte das ganze Jahr damit, den Garten zu pflegen, die Pflanzen zu hegen, zu ernten und daraus Medizin, würzige Kräuteröle, Tees und andere nützliche Dinge zu machen. Die Kräfte des Mondes und der Gestirne waren ihr dabei sehr wichtig, und so war es nicht selten, dass sie des Nachts in ihrem Garten stand, und liebevoll den Mond betrachtete und in die Sterne schaute.

Ein Stern flackerte immer besonders intensiv; das war ihr schon vor längerer Zeit aufgefallen. Ihn bedachte sie stets mit einem besonders freudigen Lächeln, denn sie hatte fast das Gefühl, als würde er nur für sie funkeln. Und so war es auch. Der Stern sehnte sich nur nach der Nacht, denn dann konnte er in ihren Garten blicken, der für ihn das Schönste war, was er von der Erde kannte. Er liebte all die Blüten, die oft selbst aussahen wie Sterne; und als es mal wieder Winter war, ging dem Stern fast das Herz über vor Sehnsucht. Das Mädchen ließ nämlich immer einige Pflanzen im Winter stehen, die dann von feinen Kristallen überzogen wurden. Einige späte Blüten waren zu Eis erstarrt, bevor sie ihre Blätter verlieren konnten. So sah der Stern das schöne Mädchen inmitten des Gartens aus blitzenden Sternen stehen, die im Mondlicht funkelten.

Die Sehnsucht des Sternes, auch ein Stern in ihrem Garten zu sein, wurde so groß, dass er nicht mehr anders konnte, sich aus seiner Bahn löste und zur Erde eilte. Das Mädchen, das gerade noch ihren Stern betrachtet hatte, traute ihren Augen kaum, als sie sah, wie dieser plötzlich einen Satz machte, auf die Erde zu sauste und dann auch noch direkt in ihre Richtung. Ein Schweif in allen Regenbogenfarben leuchtete hinter ihm, und er kam immer näher und näher, bis er schließlich mit einem Zischen in einem ihrer Beete landete. Das Mädchen betrachtete das glühende Gebilde, das in unzähligen Farben funkelte. Es ging auch noch nach Tagen eine unbeschreibliche Wärme von dem gefallenen Stern aus, an dem das Mädchen sich in sternenklaren Nächten ihre Hände wärmte, während er ihre Nähe genoss…

Als der Frühling kam, kümmerte sich das Mädchen wieder verstärkt um die Beete, setzte Samen, lockerte die Erde um die Sprösslinge auf und freute sich zärtlich am Wuchs der ersten Kräuter, denen sie liebevoll über die jungen Blätter strich. Der Stern wurde ein wenig traurig, denn er war zu heiß, um von dem Mädchen berührt zu werden. Man sagt ja immer, wenn eine Sternschnuppe fällt, darf man sich etwas wünschen. Das hatte das Mädchen damals jedoch in all der Aufregung vergessen, und so konnte sich der Stern den Wunsch nehmen, der sofort in Erfüllung ging: “Wenn ich doch ein besonderes Kraut wäre…, eine Pflanze mit vielfältiger Wirkung und von galaktischer Schönheit…“ Während der Stern noch davon träumte, verwandelte sich sein Kern schon in eine kräftige Knolle.

Es dauerte nicht lange, und das Mädchen bemerkte die Veränderung des Sterns. Sie spürte behutsam mit den Händen der Hitze nach, die verschwunden war; schließlich strichen ihre Finger sanft über die Haut der Knolle, die daraufhin leise innerlich bebte vor Glück. Noch in der Nacht entsprang ihr ein grüner Spross und ein Stängel wuchs in die Höhe; jeden Tag einige Zentimeter mehr, denn jede Berührung des Mädchens gab der Sternpflanze neue Lebensenergie. Das Mädchen war ebenfalls ganz verzaubert von dieser Wuchskraft, und als sich schließlich eine Knospe bildete, die Tag für Tag praller wurde, konnte sie ihre Neugier und Freude auf die Blüte kaum zähmen.

Und wie sollte es anders sein? In einer sternenklaren Nacht stand das Mädchen im Garten neben der Pflanze – eine Hand an der Knospe – betrachtete verwundert den leeren Platz am Himmel, an dem ihr Stern noch vor kurzem gefunkelt hatte. Mit einem Mal spürte sie eine Bewegung in der Knospe, und als sie zu ihr schaute, öffnete diese sich langsam und setzte eine Blüte nach der anderen frei. Schließlich bildeten alle Blüten eine Kugel, die in einem zarten Weiß Rosa schimmerten und sehr würzig dufteten. Es war die schönste Pflanze im Garten, die die liebevolle Gärtnerin im Herbst vermehrte für weitere Pflanzen im folgenden Jahr.

Bald sollte das Mädchen herausfinden, wie köstlich die Knollen schmeckten und wie wohltuend sie für den Körper waren. Und nach wenigen Jahren gehörte die Knolle, die wir heute Knoblauch nennen, in jeden guten Garten und in jede Küche. Die meisten Menschen haben jedoch vergessen, was für zauberhaft schöne Blüten sich aus dieser Knolle entwickeln; Blüten die etwas vom Zauber der Sterne in sich tragen, und die leise zitternd aufleuchten, wenn man sie sanft berührt und sich an ihnen freut….