Die Ritterblume

Die Ritterblume

von Amely Gräfin Platen
E s lebte einst ein Ritter. Der liebte eine Prinzessin. Doch diese war schon einem Königssohn versprochen, der viel Macht und Reichtum besaß. So ließ sich der Vater der Prinzessin, der nur ein kleines Königreich hatte, nicht umstimmen. Die Prinzessin liebte den Ritter genauso sehr wie er sie, doch sie wusste, dass ihre Liebe aussichtslos war. Dennoch trafen sich die beiden, wann immer sie konnten, denn der Ritter war dem König verpflichtet. So wurden ihre Begegnungen kaum bemerkt.

Der Tag der Hochzeit nahte und die Verzweiflung des Paares wuchs, denn sie wussten keinen Ausweg. Jeden Tag kamen mehr Besucher auf die Burg, um an der Hochzeit teilzuhaben. Sie brachten Geschenke aus aller Welt: wertvolle Vasen aus fernen Ländern, Räucherwerk und Gewürze, Felle und schöne Möbel und vieles mehr.

Es kam auch ein altes Mütterchen, das die Prinzessin zu sprechen wünschte. Man gewährte der lieben alten Frau ihre Bitte und ließ sie vor die Prinzessin treten. "Meine liebe Tochter", sprach sie, " ich kenn Deinen Schmerz. Ich kann Dich zwar nicht von Deiner Pflicht befreien, einen Mann zu heiraten, der nicht in Deinem Herzen wohnt, doch darfst Du Dir etwas wünschen, dass Dich vor der Einsamkeit Deines Herzens bewahren soll." Die Prinzessin war überrascht und erkannte die günstige Stunde dieses Wunsches. "Wähle weise, und Du wirst stets von Deiner wahren Liebe umgeben sein." Nach einer Zeit des Überlegens antwortete die Prinzessin: "Ich wünsche mir, dass mein Herzensmann stets an meiner Seite ist und dennoch niemand es erfährt. Möge mir ein Zeugnis seiner Liebe auf Schritt und Tritt folgen, ohne dass er oder ich oder mein Gatte etwas zu leiden haben." Die liebe Alte lächelte wissend und sagte: "Das ist ein guter Wunsch, der Erfüllung finden kann, wenn Deine Liebe einwilligt."
So verschwand das Mütterchen und suchte den Ritter auf, um ihm den Wunsch seiner Geliebten zu übermitteln. "Wäre das ein Weg, den auch Du gehen könntest?" "Ja, denn ohne meine Prinzessin kann ich nicht sein, und mit ihr darf ich nicht sein. So lege ich denn mein Schicksal in Deine Hände und erlaube Dir, den Wunsch der Prinzessin zu erfüllen." Und so kam es, dass der Ritter in eine wundervolle Blume verwandelt wurde, die die feurig roten und gelben Farben seines Gewandes trug. Die Blätter glichen seinem Schild und die Form der Blüte erinnerte an die seines Helmes.

Wo immer die Prinzessin fortan ihre Füße auf die Erde setzte, entsprangen ihr die Blüten. Sie wusste, wer sich dahinter verbarg, doch niemand sonst ahnte, dass ihr anmutiges Lächeln einem Mann hinter der Blume galt. Und so konnte sie immer wieder sanft die Blüten berühren und die Blätter liebkosen, ohne dass irgendjemand Anstoß daran nahm. Der Ritter ward nie mehr gesehen, und man glaubte am Hofe, dass die Prinzessin nun doch ihr Glück mit dem Königssohn gefunden hatte. Und in gewisser Weise ist das ja auch so...