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Der Drachenbruder
Es waren einmal ein König und eine Königin, die konnten keine Kinder bekommen. Sie hatten schon so viele Heiler um Rat gebeten, doch niemand konnte helfen. Als die Königin die Hoffnung schon aufgegeben hatte, kam ein altes Mütterchen an ihren Thron. Sie war ganz in grün gekleidet und trug einen Kranz aus Efeu, Farn und Schafgarbe im Haar: „Meine Königin, ich weiß einen Weg, wie Ihr doch noch zu einem Kind kommen könnt.“ Sie holte aus einem ledernen Beutel ein duftendes Säckchen heraus. „Hier drin sind Kräuter, die Ihr Eurem abendlichen Waschwasser zufügen sollt. Wenn Ihr Euch gewaschen habt, dann gießt das Waschwasser höchst selbst unter die Birke in Eurem Garten. Am Morgen werdet Ihr dort zwei Pflanzen vorfinden. Wählt eine und esst sie dort selbst unter dem Baum. Aber wählt weise und wisset, dass Ihr nur eine der beiden essen dürft. Die andere lasst einfach stehen.“ Die Königin bedankte sich, gab der Alten ein paar Münzen und dann befolgte sie die Anweisungen.
Und tatsächlich! Am folgenden Morgen standen unter der Birke zwei neue Pflanzen. Eine blaue zart duftende Blume wiegte sich im Wind, und daneben stand eine Brennnessel. „Eine Brennnessel? Seltsam…“ wunderte sich die Königin. Die Wahl war schnell und leicht getroffen. Die Königin pflückte die blaue Blume und aß. Sie schmeckte himmlisch, nach Karamell, Honig und etwas Zartem. Sie zerging ihr auf der Zunge, und ehe sie sich versehen hatte, hatte sie die Blume samt Blättern und Stängel verspiesen. Nun hatte sie aber erst richtig Appetit bekommen und schielte nach der Brennnessel, besah sie sich genauer. Sie duftete anders als gewöhnliche Brennnesseln… Nach schwarzer Schokolade? Und etwas Pfeffrigem… Ihr lief das Wasser im Munde zusammen. Zumindest probieren konnte sie doch sicher mal… Und schon hatte sie nach einem Blatt gegriffen. Auf ihrer Zunge zerging es wie Schokolade, und es schmeckte auch genau so,…, mit einer leichten pfeffrigen Note. Köstlich. Noch ehe die Königin begriff, was sie tat, hatte sie auch die Brennnessel mit Stiel, Blättern und Blüten aufgegessen.
Sie erschrak, dachte dann aber bei sich: „So schlimm wird es schon nicht sein.“ Einige Wochen vergingen, und dann wusste die Königin, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Nach neun Monaten half ihr die Hebamme, ein schönes goldgelocktes Mädchen zur Welt zu bringen. Doch dann kam die große Überraschung. Noch ein zweites Kind wollte ins Leben. Als die Hebamme diesem Kind ans Licht geholfen hatte, stöhnte sie entsetzt auf: „Oh Frau Königin, das muss vom Teufel sein.“ Dieses Kind war am ganzen Leib mit grünen Drachenschuppen bedeckt und hatte stechend grüne Augen. Die Königin wusste, warum dieses Kind so gestaltet war, doch sie behielt es für sich und erzog die Zwillinge mit viel Liebe.
Es war in diesem Königreich Tradition, dass die oder der Erstgeborene König würde; und da die Tochter einige Momente älter war, würde sie eines Tages Königin werden. Doch nun war erst einmal die Zeit gekommen, dass sie sich einen Partner suchte. Es gab viele Bewerber, denn ihre Schönheit war weithin bekannt. Außerdem galt es, eine der mächtigsten und reichsten Königinnen zu heiraten. Die jungen Männer hatten jedoch Probleme an dem Drachenbruder vorbeizukommen. Dieser konnte Gedanken lesen und erkannte die wahren Absichten der Bewerber. Keiner war bisher aus Liebe gekommen. Alle wollten nur Macht, Geld und Ruhm. Und so spie der Drachenbruder Feuer nach ihnen und drohte, ihnen die Haare und die Kleider zu versengen. Das sprach sich bald herum, und es kamen immer weniger junge Männer, um um die Hand der Königstochter anzuhalten. Es wurde ganz still im Palast.
Bis eines Tages ein neuer Bewerber angekündigt wurde. Dieser brachte seine Schwester mit. Behutsam und respektvoll näherten sie sich dem Thron, wo die beiden anderen Geschwister warteten. Der Drachensohn schaute mit seinen scharfen grünen Augen und musterte beide schon auf die Entfernung. Er spürte ihre Absichten ab und fand dort nichts als Freundlichkeit und Sehnsucht nach Zweisamkeit. Als die beiden nahe genug heran waren, stockte ihnen allen der Atem. Der Bewerber war ein hochgewachsener, gutaussehender Mann, aus dessen Augen große Freundlichkeit und Güte leuchtete, und eine unverhohlene Bewunderung für die Königstochter. Doch das viel größere Wunder war seine Schwester, die ihn begleitete. Sie hatte langes bernsteinfarbenes Haar und goldene Augen und auf ihrer Haut schimmerten güldene Drachenschuppen. Auch sie strahlte Güte und Sanftmut aus und schien nur Augen für den Drachensohn zu haben, der ebenfalls von ihrem Anblick gefesselt war. Keiner wusste recht wie es geschehen war, doch mit einem Mal hielten sich alle Vier an den Händen und sahen einander tief in die Augen. Da war nichts als Liebe und Erfüllung in der Luft. Der Hofstaat staunte und ein Raunen ging durch die Reihen.
Nicht lange danach wurde am Hofe eine Doppelhochzeit gefeiert, ein rauschendes Fest; und keiner vermochte zu sagen, welches der beiden Paare schöner war. Von beiden ging so viel Licht und Glück aus, dass es auf alle in ihrer Nähe übersprang. Und als die Krönungszeremonie vollzogen werden sollte, und der alte König, seiner Tochter die Krone aufsetzte, da ließ sie es geschehen. Doch dann nahm sie die Krone von ihrem Haupt und setzte sie auf das des Drachenbruders. „Wir wollen gemeinsam regieren!“ So hatte dieses Reich fortan zwei Könige und zwei Königinnen, die mit viel Liebe und Mitgefühl über ihr Volk wachten. Und sie lebten lange und glücklich.