Das weisse Reh – The white deer

Das weiße Reh – The white deer
 
Einmal, da lebte ein König, der war ein leidenschaftlicher Jäger. Jeden Tag zog es ihn in den Wald hinaus, und selbst wenn er nichts schoss, so liebte er es doch, die Tiere zu beobachten oder ihnen nachzujagen.

An einem solchen Tage entdeckte er auf einer Waldlichtung ein weißes Reh. Sofort setzte er ihm nach und verfolgte es über Stunden. Es ging immer tiefer in den Wald hinein, in entlegene Gegenden, die er nicht mehr kannte. Immer wenn er glaubte, das Tier verloren zu haben, kam es hinter einem Baum oder Busch hervor und schien ihn immer weiter locken zu wollen.

Schließlich beobachtete er, wie sich das Reh einem Schloss, das mitten in diesem fremden Wald stand, näherte. Er wunderte sich noch, da er dieses Haus noch nie gesehen hatte. Und er staunte um so mehr, als sich wie von Geisterhand die Zugbrücke herabsenkte und sich die Tore zum Innenhof öffneten, während das Reh ganz selbstverständlich in der Burg Schutz zu suchen schien. Neugierig und besorgt, das Tier am Ende doch noch zu verlieren, preschte er über die Zugbrücke hinein in den Innenhof.

Dort angelangt, schaute er sich um. Keine Menschenseele war zu sehen und auch von dem Reh keine Spur. Er saß ab und erschrak zutiefst, als sich mit lautem Knarren die Zugbrücke wieder hob und die schweren Tore mit einem lauten Krachen ins Schloss fielen. Dann hörte er auf der anderen Seite des Hofes das Quietschen von Türangeln und sah gerade noch, wie das weiße Reh durch die kleine Tür hinaus sprengte. Und dann war da nur noch Stille.

Ein paar mal rief er, doch keine Menschenseele antwortete – nicht einmal ein Vogel war zu hören….Da es schon dunkel wurde, beschloss er, in das Schloss zu gehen. Er schaute sich in allen Räumen um, bis er in das Esszimmer kam, wo ein reich gedeckter Tisch auf ihn wartete. Da bemerkte er erst, wie hungrig er war und ließ sich nieder. Es war ein köstliches Mahl, das ihn sehr müde machte.

Er erhob sich, um sich ein Schlafzimmer zu suchen, und fand tatsächlich eines mit einem königlichen Bett. Kerzen brannten dort und die Decken waren zurückgeschlagen, so als hätte eine Kammerzofe gerade das Zimmer verlassen. Er entkleidete sich, schlüpfte in das bereit gelegte Nachtzeug und schlief in dem Moment ein, in dem sein Ohr das Kopfkissen berührte.

Es zog ihn sogleich in tiefe wilde Träume: wieder verfolgte er das Reh, und nun fiel ihm auf, dass es einen goldenen Ring um den Hals trug und nun sprach es sogar zu ihm, mit einer sanften Stimme, die Musik in seinen Ohren war. Es nannte seinen Namen und dann sprach es weiter: „Ich habe Dich hierher gelockt, weil ich in Not bin. Ein böser Geist hat mich verzaubert, denn eigentlich bin ich eine Prinzessin und die Herrin dieses Schlosses. Ich kann erst erlöst werden, wenn jemand den bösen Geist besiegt. Ich wünsche mir so sehr, dass Du das tust.“

Dann verblasste ihre Stimme und der König erwachte davon, wie ihn jemand an der Schulter rüttelte. Als er die Augen öffnete, war dort niemand. Der Mond schien hell in das Zimmer und die Bodendielen knarrten von den Schritten eines Unsichtbaren. Dann öffnete der Unsichtbare die Zimmertür. Der König war nun hellwach, schlüpfte in seine Kleider, nahm sein Schwert und eilte ihm nach.

Mit einem Mal wurde der Unsichtbare sichtbar, weil er gerade im Strahl des Mondes stand. Es war ein großer kräftiger Mann mit breiten Schultern und einer Keule in der Hand. Nun sprach er sogar. „Na, kleiner König, willst Du mich nicht vernichten? Schlag zu! Los mach schon!“ Und dann lachte er so laut, dass es von den Wänden dröhnte.

Als sich der König gefasst hatte, stieß er nach dem Hühnen. Doch sein Schwert ging durch ihn durch ohne Widerstand. Der Hühne machte einen glucksenden Ton vor Freude, sprang dann beiseite und verschwand aus dem mondbeschienenen Strahl. Hinter sich spürte der König einen starken Lufthauch, der entsteht wenn zum Beispiel jemand eine Keule schwingt. Diese wurde dann auch im Mondschein sichtbar, so dass er gerade noch ausweichen konnte.
Dieser Kampf zog sich eine Weile so hin und hätte wohl so lange gedauert, bis der König vor Erschöpfung zusammen gesunken wäre…Doch da bemerkte der König dass, wann immer er den Schatten mit seinem Schwert durchschlug, der Hühne schmerzhaft aufstöhnte und etwas kleiner zu werden schien. Und tatsächlich, nach einigen dieser Streiche schrumpfte der Hühne in sich zusammen, bis er nur noch die Größe einer Maus hatte.

Dann griff der König nach dem Winzling, nahm ihn mit in die Küche und steckte ihn in eine Flasche, die er fest mit einem Korken verschloss. Der Geist zeterte und brüllte in der Flasche, bis er zu einer grünen Wolke wurde. Der König wollte sicher gehen, dass niemand diese Flasche wieder öffnete und vergrub sie im Garten unter einem Hollerbusch, denn er wusste, dass die Hollermutter gut über ihn wachen würde. Schließlich, als er sicher war, dass niemand dieses Versteck finden würde, ging er zurück in das Schloss, und er staunte.

Die ganze Atmosphäre hatte sich vollkommen verändert. Das lag nicht an den Blumensträußen, die nun überall standen und einen lieblichen Duft verströmten. Auch die unzähligen Kerzen, die nun brannten und die zarte Musik, die aus einer unbekannten Quelle erklang und die Räume füllte, waren nicht die Ursache. Wie von einer unsichtbaren Hand gezogen wandelte der junge König in den Empfangssaal. Dort stand still und schön ein Mädchen in einem weißen Kleid – ihr Haupt war mit einem goldenen Reif gekrönt, dem Reif, den zuvor das weiße Reh getragen hatte. Nun drehte sie sich um, und lächelte dem König entgegen.

Mit der Stimme, die er schon aus seinem Traum kannte, sprach sie ihn an: „Danke Dir, denn Du hast mich erlöst, indem Du den Geist der Schatten besiegt hast. Nun, da ich wieder ich selbst sein darf, will ich alles, was ich habe mit Dir teilen.“ Der König nahm die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, kniete nieder und küsste sie: „So will ich auch alles, was ich habe, mit Dir teilen und Dir ganz gehören!“ Da hob sie ihn auf, und sie umarmten einander. Bald darauf kehrte das volle Leben in das einstmals verwunschene Schloss ein und es wurde eine große prächtige Hochzeit gefeiert. Dann wurden die beiden Königreiche zusammengelegt und König und Königin lebten lange und glücklich.
 
The white deer
 
Once, there lived a king who was a passionate hunter. Every day he went out into the forest, and even if he didn’t shoot anything, he loved to watch the animals or chase them.

On such a day he discovered a white deer in a clearing in the forest. He immediately followed it and followed it for hours. It went deeper and deeper into the forest, into remote areas he no longer knew. Whenever he thought he had lost the animal, it came out from behind a tree or bush and seemed to want to lure him more and more.

Finally he observed the deer approaching a castle standing in the middle of this strange forest. He still wondered, because he had never seen this house before. And he was all the more amazed when, as if by magic, the drawbridge lowered and the gates to the inner courtyard opened, while the deer seemed to take shelter in the castle. Curious and anxious to lose the animal in the end, he dashed over the drawbridge into the inner courtyard.

Once there, he looked around. There was not a soul to be seen and not a trace of the deer either. He sat down and was deeply shocked when the drawbridge raised again with a loud creak and the heavy gates fell into the castle with a loud crash. Then he heard the squeaking of hinges on the other side of the courtyard and just saw the white deer blowing out through the small door. And then there was only silence.

A few times he called, but not a soul answered – not even a bird could be heard….As it was getting dark, he decided to go into the castle. He looked around all the rooms until he came to the dining room, where a richly laid table was waiting for him. Then he noticed how hungry he was and settled down. It was a delicious meal that made him very tired.

He rose to look for a bedroom and found one with a royal bed. Candles were burning there and the blankets had turned back, as if a chambermaid had just left the room. He undressed, slipped into the nightclothes and fell asleep the moment his ear touched the pillow.

It immediately drew him into deep wild dreams: again he pursued the deer, and now he noticed that he was wearing a golden ring around his neck and now he even spoke to him, with a soft voice, the music in his ears. He called his name and then he continued: „I have lured you here because I am in need. An evil spirit enchanted me, for I am actually a princess and the mistress of this castle. I can only be redeemed when someone defeats the evil spirit. I wish so much that you would do that.“

Then her voice faded and the king awoke from someone shaking his shoulder. When he opened his eyes, there was no one there. The moon shone brightly into the room and the floorboards creaked from the steps of an invisible man. Then the invisible man opened the room door. The king was now wide awake, slipped into his clothes, took his sword and hurried after him.

Suddenly the invisible man became visible because he was standing in the beam of the moon. He was a tall, strong man with broad shoulders and a club in his hand. Now he even said, „Well, little king, don’t you want to destroy me? Strike! Come on, come on! And then he laughed so loudly that it boomed from the walls.

When the king had caught hold, he pushed for the chicken. But his sword went through him without resistance. The chicken made a chuckling sound of joy, then jumped aside and disappeared from the moonlit beam. Behind him, the king felt a strong breeze of air, which arises, for example, when someone swings a club. This was then also visible in the moonlight, so that he could just avoid it.
This fight went on for a while and would probably have taken so long until the king had sunk together from exhaustion… But then the king noticed that whenever he pierced the shadow with his sword, the grouse groaned painfully and seemed to get a little smaller. And indeed, after some of these pranks, the chicken shrank to the size of a mouse.

Then the king grabbed the tiny one, took him into the kitchen and put him in a bottle, which he closed tightly with a cork. The ghost clamored and roared in the bottle until it turned into a green cloud. The king wanted to make sure that nobody opened the bottle again and buried it in the garden under a holler bush, knowing that the holler mother would watch over him well. Finally, when he was sure that nobody would find this hiding place, he went back to the castle and was amazed.

The whole atmosphere had completely changed. That wasn’t because of the bouquets of flowers that now stood everywhere and radiated a lovely fragrance. The countless candles that were now burning and the tender music that sounded from an unknown source and filled the rooms were not the cause either. As if drawn by an invisible hand, the young king walked into the reception hall. There stood still and beautiful a girl in a white dress – her head crowned with a golden hoop, the hoop that the white deer had previously worn. Now she turned around and smiled at the king.

With the voice he already knew from his dream, she spoke to him: „Thank you, for you have redeemed me by defeating the spirit of the shadows. Now that I am allowed to be myself again, I want to share everything I have with you“. The king took the hand that she stretched out to him, kneeled down and kissed it: „So I will share with you all that I have, and I will belong entirely to you. Then she picked him up and they embraced each other. Soon after, full life returned to the once enchanted castle and a great glorious wedding was celebrated. Then the two kingdoms were merged and the king and queen lived long and happy lives.