Das Meereskönigreich – The Sea Kingdom

Das Meereskönigreich – The Sea Kingdom
 
Es gab einmal ein Königreich, das war einfach nur eine Insel inmitten eines  Meeres. Auf der Spitze der Insel stand eine große Burg, und zu Füssen dieser Burg drängten sich ein paar Fischerhütten. Sonst gab es in diesem Königreich nichts als die Meeresfluten, und es erstreckte sich bis dorthin, wo die Strände der Nachbarreiche begannen.

Vor vielen Generationen war dort, wo heute das Meer war, Land. Felder, Wälder und Wiesen erstreckten sich, soweit das Auge reichte. Es gab Häuser, Dörfer und um die Burg eine große Stadt. Der damalige König war jung und ehrgeizig. Er wollte mehr Macht und Reichtum, und so ließ er sich auf einen Handel mit der Meerhexe ein: “Mein König, wenn Ihr mir Euren ersten Sohn gebt, dann sollt Ihr allen Erden möglichen Reichtum erhalten.“ Seinen ersten Sohn? Den würde es so schnell nicht geben, denn der König war noch nicht einmal verheiratet. So ließ er sich darauf ein, und schon am nächsten Tag strömten ihm Reichtümer zu und Gelegenheiten, seine Macht zu vergrößern.

Es dauerte nicht lange und da war er tatsächlich als der mächtigste Mann bekannt. Die Jahre vergingen und schließlich heiratete er und nicht lange danach wurde ihm ein Sohn geboren. Kurz darauf trat die Meerhexe vor seinen Thron: „Nun gib mir Deinen Erstgeborenen, wie Du es versprochen hast!“ Zunächst erschrak er sehr, hatte er sein Versprechen doch längst verdrängt. Doch er faßte sich schnell wieder: „Es war nie die Rede davon, dass Du den ersten bekommen sollst. Gedulde Dich noch etwas, und dann will ich Dir meinen Zweitgeborenen gerne geben.“ Eine Weile stritten sie sich und dann erkannte die Meerhexe, dass der König sein Versprechen gebrochen hatte: „Da Du mir Deinen Sohn nicht geben willst, werde ich Dein Reich mit in mein Meer nehmen. Alles soll untergehen und so auch Deine Macht und Dein Reichtum. Aber König sollst Du bleiben und auch Deine Nachkommen. Einmal wird eine Tochter in Deiner Linie geboren werden, die das alte Lied zu singen weiß und in meiner Linie ein Sohn, der die Sprache der See versteht. Wenn sie einander treffen, sich ineinander verlieben und mutig sind, dann kann der Bann gebrochen werden. Aber Du wirst das nicht erleben.“

Lachend verschwand sie daraufhin in der See.
Schon am folgenden Tag begann ein Regen, der nicht enden wollte, Flüsse und Seen traten über die Ufer und das Meer tobte, bis schließlich nur noch eine Insel, auf der die Burg stand, übrigblieb. Die Menschen, die sich retten konnten bauten bald Boote, um an das nächste Festland zu gelangen, und nur wenige bauten kleine Fischerhütten an den Strand.

So zogen die Jahre hin und in jeder Generation suchte man nach einer Tochter, die zu singen verstand. Doch nicht eine war unter ihnen, die auch nur zwei Töne hintereinander brachte. So glaubte man bald, dass die Meerhexe sich einen üblen Scherz erlaubt hatte und die Prophezeiung wurde zu einem schönen Märchen, das man sich gerne erzählte.

Einer der Nachfahren hatte dann eine Tochter, die tatsächlich ganz wunderbar singen konnte. Sie war eine echte Schönheit, denn sie leuchtete von Innen, war erfüllt von einer seltsamen Sehnsucht und ging oft an den Strand, um dort in die Fluten hinaus zu singen. Das sprach sich bald auch beim Meervolk herum und kam schliesslich dem Sohn der Meerhexe zu Ohren.

Der schwamm dann auch gleich hinaus zu der Insel und lauschte im Verborgenen. Das Herz ging ihm über bei dieser Stimme, und diese Melodie… sie hatte etwas Unvergleichliches. Der Meeressohn kam nun leise und unbemerkt jeden Tag und lauschte, bis seine Mutter davon erfuhr. Die schickte in ihrer Wut eine grosse Welle, die den Strand verschlang, an dem das Mädchen immer gestanden hatte.

Die Königstochter liess sich nicht abbringen und stieg statt dessen auf eine hohe Klippe. Nicht lange, da entdeckte sie zwischen den Felsen zu Füssen der Klippe den Kopf und den Regenbogenfischschwanz des Meeressohnes. Neugierig stieg sie die Klippe hinab, und auch der Meeressohn kam näher an das Ufer. Nun waren sie sich so nah, dass sie sich berühren konnten.
„Wer bist Du?“ „Ich bin der Meeressohn, der Sohn der Meerhexe. Und Du?“ „Ich bin die Tochter des Königs dieser Insel.“ Fortan trafen sie sich jeden Tag und verliebten sich ineinander. Sie erinnerten sich an die Legende der Prophezeiung der Meerhexe. „Vielleicht ist die Geschichte ja wahr. Und dann könnten wir endlich ganz zusammen kommen…Ich will meine Mutter danach fragen!“

„Mutter, ist die Legende von der Prophezeiung der Meerhexe wahr?“ „Ja, mein Sohn.“ „Dann bitte ich Dich, den Bann zu lösen, denn ich habe mich verliebt in die Königstochter und sie kann so schön singen, dass sie sicher auch das alte Lied kennt; und ich verstehe die Sprache des Meeres.“ Da lachte die Meerhexe: “So schnell geht das nicht, mein Sohn. Ihr müsst Prüfungen bestehen und beweisen, dass Eure Liebe stark genug ist und ihr wirklich die Sprache und das Lied versteht.
Ihr werdet drei Aufgaben lösen müssen, die sehr gefährlich sind. Überleg es Dir gut! Wenn es Euch gelingt, dann gebe ich dir Deine menschliche Gestalt zurück und die Königsfamilie erhält ihr Land zurück, das ihr fortan regieren werdet. Scheitert ihr jedoch, dann nehme ich mir auch noch die kleine Insel und das Reich bleibt für immer meins. Komme morgen wieder und teile mir Eure Entscheidung mit.“

In der Nacht beriet er sich noch einmal mit seiner Liebsten und beide beschlossen, die Prüfung zu wagen. Der Meersohn nahm die Königstochter bei der Hand: „Fürchte Dich nicht. Solange Du meine Hand hältst, kannst Du unter Wasser atmen.“ Hand in Hand tauchten sie hinab in das Königreich der Meerhexe zu ihrem versunkenen Palast. So standen sie am nächsten Morgen entschlossen vor der Meerhexe.

Die erhob sich und blickte aus dem Fenster ihres Palastes über die Ruinen der versunkenen Stadt: “Bringt mir den goldenen Kelch des Königs, der damals in den Fluten versunken ist!“ Sie schwammen hinaus und suchten die Ruinen ab. Des Tags schien die Sonne den Weg und in der Nacht leuchtete der Mond. Doch am Ende waren es die Fische, die den Meersohn sehr liebten, und sie zu dem Kelch brachten. Sie wirbelten den Meeresboden auf, und als sich der Sand wieder gelegt hatte, blitzte der goldene Kelch im Mondenschein. Den brachten sie zu der Meerhexe, die sich wunderte und ärgerte.

„Nun bringt mir die Harfe des königlichen Barden!“ Und wieder schwammen sie hinaus und suchten. Auch dieses Mal kamen ihnen die Fische zu Hilfe. Wieder wirbelten sie den Sand auf, und durch die Wellen gerieten die Saiten der befreiten Harfe in Bewegung und begannen zu klingen. Der Sand hatte sich noch nicht wieder ganz gelegt, da folgte die beiden den Tönen und griffen nach dem Instrument, das sie sogleich zur Meerhexe brachten. Die konnte nicht anders, als anerkennend zu nicken.
„Gut gemacht! Doch nun kommt das Schwerste.“ Mit ihren zornglühenden Augen wandte sie sich an das Mädchen, reichte ihr die Harfe und sprach: „Nun spiel das alte Lied!“

Ohne Zögern nahm diese die Harfe, begann darauf zu spielen und stimmte das alte Lied an. Während sie sang, griff der Meeressohn nach dem goldenen Kelch, und füllte ihn unablässig mit Meerwasser, das er in einen der versunkenen Brunnen goss. Langsam und beständig wichen die Fluten zurück. Mit jeder Strophe kam mehr Land wieder ans Tageslicht.

Es dauerte neun Tage und neun Nächte, bis die Wälder wieder auftauchten, bis die Bäume ergrünten und die Felder trockneten. Als die letzte Strophe gesungen war, hatten sich alle Meerestiere und Planzen der See mit den Fluten zurückgezogen und waren fruchtbarer Erde und allen Tieren des Landes und der Lüfte  gewichen. Auch die menschlichen Behausungen, die große Stadt und die Dörfer waren wieder unversehrt vom Meer befreit.

Doch das Wunderbarste war, dass die Menschen, die einstmals in den Häusern gelebt hatten, wieder vor ihre Türen traten – gerade so als seien sie nach einem langen Schlaf erwacht.

Der Meersohn entschied sich für die Königstochter, und erhielt so eine menschliche Gestalt. Die Meerhexe hatte sich mit ihrem Gefolge in die Seetiefen zurückgezogen. Die beiden Liebenden eilten zur königlichen Burg, und es wurde, als der Mond voll und rund war, eine  schöne Hochzeit gefeiert. Die beiden regierten lange in Frieden und Gerechtigkeit und in tiefer Harmonie mit dem Land und dem Wasser – verstanden sie doch ihre Sprache und verdankten ihnen so viel…..
 
 The Sea Kingdom
 
Once upon a time there was a kingdom, that was just an island in the middle of a sea. At the top of the island stood a large castle, and at the foot of the castle there were a few fishermen’s huts. There was nothing else in this kingdom but the sea floods, and it stretched as far as where the beaches of the neighbouring kingdoms began.

Many generations ago, where the sea was today, there was land. Fields, forests and meadows stretched as far as the eye could see. There were houses, villages and a big city around the castle. The then king was young and ambitious. He wanted more power and wealth, and so he entered into a trade with the sea witch: „My king, if you give me your first son, then you shall receive all possible wealth on earth“. His first son? There wouldn’t be such a son so soon, because the king wasn’t even married yet. So he got involved, and already the next day riches and opportunities to increase his power flowed to him.

It was not long before he was known as the most powerful man. The years passed and finally he married and not long after that a son was born to him. Shortly thereafter the sea witch stood before his throne: „Now give me your first-born, as you promised! At first he was very frightened, as he had long since suppressed his promise. But he quickly recapitulated: „There was never any question of you getting the first one. Be patient a little longer, and then I will gladly give you my second born.“ For a while they argued and then the sea witch realized that the king had broken his promise: „Since you will not give me your son, I will take your kingdom with me into my sea. All shall perish, and so shall your power and your wealth. But thou shalt be king, and thy seed shall be king. One day a daughter will be born in your line who knows how to sing the old song and in my line a son who understands the language of the sea. When they meet, fall in love and are courageous, the spell can be broken. But you won’t experience that.“

Laughing, she disappeared into the sea.
On the following day a rain began which did not want to end, rivers and lakes stepped over the shore and the sea raged, until finally only one island, on which the castle stood, remained. The people who could save themselves soon built boats to get to the next mainland, and only a few built small fishermen’s huts on the beach.

So the years went by and each generation looked for a daughter who knew how to sing. But not one of them was able to sing two notes in a row. So it was soon believed that the sea witch had made a bad joke and the prophecy turned into a beautiful fairy tale that they liked to tell each other.

One of the descendants then had a daughter who could actually sing wonderfully. She was a real beauty, for she shone from within, was filled with a strange longing, and often went to the beach to sing out into the floods. This soon spread among the sea folk and finally came to the ears of the son of the sea witch.

He then swam out to the island and listened in secret. The heart passed over to him with this voice, and this melody… it had something incomparable. The son of the sea came quietly and unnoticed every day and listened until his mother heard about it. In her rage she sent a big wave that devoured the beach where the girl had always stood.

The king’s daughter could not be dissuaded and climbed a high cliff instead. Not long after she discovered the head and rainbow tail of the sea son between the rocks at the foot of the cliff. Curiously she descended the cliff and the son of the sea came closer to the shore. Now they were so close that they could touch each other.
„Who are you?“ „I am the son of the sea, the son of the sea witch. And you?“ „I am the daughter of the king of this island.“ From then on they met every day and fell in love with each other. They remembered the legend of the prophecy of the sea witch. „Maybe the story is true. And then we could finally get all together…I want to ask my mother about it!“

„Mother, is the legend of the prophecy of the sea witch true?“ „Yes, my son.“ „Then I ask you to release the spell, because I have fallen in love with the king’s daughter and she can sing so beautifully that she surely knows the old song; and I understand the language of the sea. Then the sea witch laughed: „It won’t go that fast, my son. You have to pass tests and prove that your love is strong enough and that you really understand the language and the song.
You will have to solve three tasks that are very dangerous. Think it over! If you succeed, I will give you back your human form and the royal family will get back their land, which you will rule from now on. But if you fail, I’ll take the small island and the kingdom will remain mine forever. Come back tomorrow and tell me your decision.“

In the night he consulted again with his beloved and both decided to take the test. The sea son took the king’s daughter by the hand: „Do not be afraid. As long as you hold my hand, you can breathe under water.“ Hand in hand they dived down into the kingdom of the sea witch to her sunken palace. So the next morning they stood resolutely before the sea witch.

The witch rose and looked out of the window of her palace over the ruins of the sunken city: „Bring me the golden cup of the king who sank in the floods! They swam out and searched the ruins. By day the sun was shining the way and by night the moon was shining. But in the end it was the fish that loved the sea son very much and brought them to the chalice. They stirred up the seabed, and when the sand had settled again, the golden chalice flashed in the moonlight. They brought it to the sea witch, who was surprised and annoyed.

„Now bring me the harp of the royal bard!“ And again they swam out and searched. Also this time the fish came to their aid. Again they stirred up the sand, and by the waves the strings of the freed harp started to move and began to sound. The sand had not yet completely settled, so the two followed the tones and reached for the instrument, which they immediately brought to the sea witch. They had no choice but to nod appreciatively.
„Well done! But now comes the hardest part“. With her angry eyes she turned to the girl, handed her the harp and said: „Now play the old song!

Without hesitation she took the harp, began to play it and tuned in the old song. While she sang, the sea son reached for the golden chalice and filled it incessantly with sea water, which he poured into one of the sunken wells. Slowly and steadily the floods receded. With each verse more land came to light again.

It took nine days and nine nights for the forests to reappear, for the trees to green and the fields to dry. By the time the last verse was sung, all the sea animals and plants of the sea had retreated with the floods and given way to fertile soil and all the animals of the land and the air. Also the human dwellings, the great city and the villages were again unharmed freed from the sea.

But the most wonderful thing was that the people who had once lived in the houses stepped outside their doors again – just as if they had awoken after a long sleep.

The sea son chose the king’s daughter and thus took on a human form. The sea witch and her entourage had retreated into the depths of the sea. The two lovers hurried to the royal castle, and when the moon was full and round, a beautiful wedding was celebrated. The two ruled for a long time in peace and justice and in deep harmony with the land and the water – they understood their language and owed them so much….
 
 
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